2.9.05

Walters Assoziationen zum Schlangenbild

Seine Gedanken gingen unwillkürlich zum kleinen Prinzen:
Was hat die Schlange verschluckt?

oder

27.8.05

Wahn, Wonne und Wissenschaft

Im Jahre 1516 wurde Ulant Dammartz, ein junges Mädchen vom Niederrhein vom Teufel besessen. So wird es jedenfalls überliefert. Ulant durfte nicht den Mann, den sie liebte, heiraten und entschloss sich, ins Kloster zu gehen. Dort wurde sie laut eigenem Geständnis vom Buhlteufel verführt, blasphemische Handlungen zu begehen. Obwohl diese Taten sie als Hexe erscheinen liessen, wurde Ulant "nur" ins Gefängnis gebracht. Interessant für uns ist nicht, was mit Ulant geschah, sondern zu überlegen, wie sie besessen wurde. Was ist dran am Buhlteufel? Gab es ihn "wirklich"? Und was ist "Be-sessenheit" eigentlich? Sowohl "be-sitzen" als auch "be-setzen" schwingen beim Sagen des Wortes mit. Buchstäblich kommt be-sitzen vom (Eier) bebrüten. Worauf man sitzt, das gehört einem. Bei "be-setzen" kommt Bewegung hinzu. Es reicht nicht, sich zu setzen, ein Gebiet muss eingenommen, okkupiert werden. Was geschieht bei "Besessenheit"? Böse Geister besetzen/besitzen das Opfer, das sich willenlos dem Wahnsinn übergibt. Das Motiv des Seelenverkaufs taucht unwilkürlich auf. Warum schliesst Faust das Bündnis mit dem Teufel? Ist es eine Art intellektueller Depression?

"...Der grosse Geist hat mich verschmäht,
Vor mir verschliesst sich die Natur.
Des Denkens Faden ist zerrissen,
Mir ekelt lange vor allem Wissen..."

Faust ekelt sich vor Wissen - ein unhaltbarer Zustand für einen Intellektuellen. "Des Denkens Faden ist zerrissen" - Denken ist demnach so etwas wie ein lang gesponnener Faden, der nach Möglichkeit nicht zerreissen sollte. Durch den Pakt mit dem Teufel bekommt Faust einen Diener, der ihn be-setzt/-sitzt. Natürlich gegen eine Gegenleistung. Doch das ist nicht das Thema hier. Interessant ist, wie sowohl Ulant als auch Faust sich dem Anderen/ dem Unbekannten einfach hin-geben, das eigeneDenken auf- und ab-geben. Man kann behaupten, dass so etwas nur in alten Zeiten passieren konnte, als die Menschen noch an den Teufel glaubten. Doch brauchen wir einen Teufelspakt, um unser Bewusstsein für eine Zeit zu verlassen?
Der Begriff "Teufelspakt" steht hier als Metapher für eine Handlung, die etwas besiegelt, was nicht mit der Venunft be-griffen werden kann. Ein Vertrag mit einer Macht, die dem Handelnden (warum sagen wir nicht 'Subjekt'?) Entscheidungen abnimmt und in eine "andere" Welt mit anderen Normen und Rechten versetzt. Wo gibt es heute so etwas, wenn nicht in Welt der Computerspiele? Das spielende Subjekt ist nicht nur ein Subjekt vor dem Computerschirm, sondern tritt als Spiel-Charakter in das Geschehen, um für eine Zeitlang "im" Spiel zu sein. Allerdings geschieht dieses Sich-vergessen auf Prämissen des Spiels. Die Perspektive der Charaktere ist festgelegt, und nur beim vollständigen Hindurch-schauen wird der Spieler eine Person im Spiel. Ist er besessen? Für die Zeit des Spiels, ja! Das Spiel hat ihn "besetzt" - manipuliert seine Gedanken, seine Zeit und seinen Willen. Doch der heutige Spieler kann durch einen Tastendruck dem Spiel entkommen. "Es ist alles doch nur ein Spiel?" So einfach sich das liest, ist es nicht. Heute gibt es landesweite und -übergreifende Netzwerke, in denen Computerspieler mit-und gegeneinander spielen. Kommt man in eine ausweglose Situation, kann man nicht einfach den Computer ausmachen, ohne den späteren Zugang zu dem Netzwerk zu verlieren. Eine solche Computerspielgemeinschaft übt grosse Macht auf ihre Spieler aus - sie be-sitzt und be-setzt sie. Eine neue digitale Besessenheit? Das folgende Zitat ist kein Werbespruch für Computerspiele, sondern Mephistopheles' Kommentar:

"Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn."

Man braucht die digitale Besessenheit keineswegs auf Computerspiele zu beschränken, sondern wir können ähnliche Be-sessenheiten beim Gebrauch des Handys, des Computers und Fernsehens beobachten. Wer fühlt sich nicht mitunter be-setzt vom Computer oder Handy? Was machen die digitalen Kommunikationskanäle mit unserem Denken? Ein Arbeitstag ohne Email und SMS ist für viele unvorstellbar und auch nicht wünschenswert. Doch man kann die Unterbrechungen durch solche Meldungen auch als Risse in dem langen Faden des Denkens interpretieren. Auf der anderen Seite gibt es Computerprogramme, die das Weiterspinnen des Fadens geradezu fördern. Und da wir bei der Netz-Metaphorik angekommen sind, liegt es nahe , dem weltweiten Internet die Aufgabe zu überlassen, "des Denkens Faden" nicht abreissen zu lassen.

26.8.05

Buchnotiz

I en kommentar til boken kritiseres Wellmer for ikke å ta hensyn til den nye informasjonsteknologien. Kanskje et godt utgangspunkt for meg å bruke ham i blog-analysene?

Beschreibung



"Der Band geht auf zwei Vorlesungen zurück, die Albrecht Wellmer an der FU Berlin gehalten hat. Ausgangspunkt ist eine kritische Betrachtung der Theorien Wittgensteins und Davidsons aus sprachpragmatischer Perspektive, der ein Exkurs zum Verhältnis vonWahrheit und Rechtfertigung folgt. Schließlich erweitert er die sprachanalytischen Fragestellungen um eine hermeneutische Sicht auf unsere Sprachpraxis. Mit Heidegger, Gadamer und Derrida geht er dabei einerseits über die Grenzen hinaus, die durch diesprachanalytische Vorgehensweise gezogen sind, konfrontiert andererseits die Texte der "kontinentalen" Philosophie mit den zuvor aus den sprachanalytischen Ansätzen gewonnenen Überlegungen. Beide Traditionslinien werden somit im Sinne einer kritisch-hermeneutischen Sprachphilosophie zusammengeführt." (buecher.de)